Abschied von der Insel

Gymnasium Nonnenwerth zu Grabe getragen

von Astrid Heilmann-Cappel

38 Jahre – so lange war ich als Lehrerin auf Nonnenwerth. Als einzige evangelische Religionslehrerin eingestellt und anfangs schon etwas skeptisch ob dieser für mich doch sehr konservativen Atmosphäre. In der ersten Lehrerkonferenz ging es um die Vor- und Nachteile der koedukativen Erziehung (die ersten Jungs waren gerade aufgenommen) und die angemessene Kleidung des Kollegiums (keine Jeans bitte oder zu kurze Kleider). Herr Vorderwülbecke, der erste weltliche Schulleiter, zeigte mir voller stolz den „Neubau“ (heute Biobau) und die Sporthalle.

Ich begann also meinen Unterricht bei sehr wissbegierigen jungen Damen – und einer 8.Klasse, wo die ersten Jungs mich doch sehr auf die Probe stellten. Kurze Zeit danach kam ein katholischer Religionskollege, mit dem ich schnell ökumenische Gottesdienste gestaltete. Musik und Beiträge von der Schülerschaft…das sprach sich schnell herum. Es gab heftigen Gegenwind – von Schwestern und anderen Fachschaftskolleg*innen. Ich überlegte mir da schon, ob diese Schule für mich auf Dauer das sein könnte, wo ich mich wohlfühlen würde. Die damalige Oberin berief einen runden Tisch ein, hörte sich die Argumente aller Beteiligten an und teilte uns Folgendes mit: die katholische Kirche habe im 19.Jahrhundert die Arbeiterschaft verloren, weil sie sich zu wenig auf deren Seite stellte. Für die Frauen würde sie sich immer noch nicht adäquat einsetzen – und solange sie hier die Verantwortung trüge, würde sie alles dafür tun, dass die Kinder hier sich einbringen können mit ihren Ideen. Dieses Machtwort gegen ihre eigenen Schwestern im Kollegium hat mir sehr imponiert. Ich fand sie mutig und konsequent – und für mich war ab da klar, dass ich an dieser Schule weiter tätig sein wollte.

Ich habe mich immer wohl gefühlt auf Nonnenwerth – nicht nur die malerische Umgebung, sondern v.a. der Freiraum, den man mir bot. Alles, was mir wichtig war an Projekten, konnte ich umsetzen. Wir haben in einem überaus anregenden Schulprozess neue Schwerpunkte entwickelt, neben Musik und Sport den MINT-Bereich und die Begabtenförderung ausgebaut, natürlich die Bili-Klassen und Wirtschaft als Fach. Und der Erfolg gab uns Recht: Jahr für Jahr überzeugten unsere Schüler*innen, angespornt von ihren über das Maß hinaus sich einsetzenden Lehrer*innen bei Wettbewerben, bei Konzerten und vielen Events. Wer einmal die Jahrbücher der letzten Jahre durchblättert bekommt einen Eindruck von dieser Vielfalt. Wir haben uns in all den Jahren bewusst für die 3-Zügigkeit entschieden, obwohl wir immer sehr viel mehr Anmeldungen hatten. Überschaubare Gemeinschaft war uns wichtig.

Die Schwestern zogen sich ob ihres Alters nach und nach zurück. Einige blieben präsent – und mir und der Schülerschaft auch sehr nah. Das Schulwerk und die Stiftung, die man gründete, sollte die finanziellen Einbußen auffangen. Selbstverständlich trat ich da ein.

Die Bombe schlug bekanntlich am 20.Januar 2020 in Form einer dpa-Meldung über den Verkauf von Insel und Schule an einen Investor ein. Ab da überschlugen sich die Ereignisse. Die weitere Chronik kann man nachlesen auf www.gymnasium-nonnenwerth.de.

Mein erstes Zusammentreffen mit dem neuen Investor -der damals noch nicht Träger genannt werden durfte (war ja nur neuer Geschäftsführer), verlief nicht sehr positiv. Ich hatte kein gutes Gefühl, da er mir nur nichtssagende und immer gleiche Antworten auf Fragen gab. Bezeichnend war für mich auch, dass man im Internet über einen doch angeblich so erfolgreichen Geschäftsmann so überaus wenig finden konnte. Herr Dr. Münzel bestellte mich eine Woche nach der Übernahme ein und hielt mir einen wütenden Vortrag darüber, dass ich die ADD angerufen hätte (ich wollte nur wissen, ob ich als Beamtin bei einem Trägerwechsel mich denn um Versetzung bemühen müsse). Ich als Wirtschaftlerin sollte doch wissen, dass sich hier gar nichts ändern würde: von einer gGmbH zur nächsten. Ich solle mich bei Herrn Soliman entschuldigen. Nicht nur mir kam das sehr merkwürdig und überzogen vor. Schließlich arbeitete ich bislang sehr engagiert und auch erfolgreich für die Belange der Schule.

Die Atmosphäre in der Schule wurde zunehmend angespannter: der neue Träger (ab August 2020 durfte er dann so genannt werden) sorgte mit seinen Auftritten vor Konferenzen für Druck und verbreitete Angst bei den angestellten Kolleginnen und Kollegen. Zeitgleich wurden immer höhere Defizitzahlen kommuniziert. Anfangs war nur von 200 000€ jährlich die Rede, später variierten die Zahlen erheblich. Was sollte man von so einem Geschäftsführer halten, der angeblich ein solider Geschäftsmann ist, aber die Zahlen nicht kennt? Der vor Übernahme/Kauf des Ganzen nichts geprüft haben wollte? Weder finanzielle Solidität noch Brandschutz?

Gymnasium Nonnenwerth zu Grabe getragenDiese Ungereimtheiten zusammen mit den folgenden Auftritten führten bei mir (und unseren Sekretärinnen) dazu, dass ich meine Frühpensionierung einreichte. Ich teilte die Hoffnung der Vereine nicht, dass man mit jemandem, der ständig neue Vorgaben machte, handelseinig über eine Trägerübernahme würde.

Die letzten Monate haben uns allen das ja leider sehr drastisch vor Augen geführt: jemand, der nie zu Verhandlungen auftaucht aber in der Öffentlichkeit behauptet, er stehe in Verhandlungen. Der nur noch über seine Anwälte kommuniziert, der Medien Interviews verweigert und ihnen stattdessen von einer Medienkanzlei vorschreiben lässt, was sie drucken dürfen und was nicht. Finanziell sehr potente Schulträger, die gerne alles – inkl. Insel – übernommen hätten und in unserem Sinne weitergeführt, nahmen ob solch eines Gebarens natürlich Abstand.

Das alles- gekoppelt mit einem nicht mehr zu verstehenden Einknicken der Landespolitik und der aufsichtsführenden Behörde hat die Schulgemeinschaft extrem belastet. Ein Schulträger, der sich aufführen kann wie er will, der mit Security Kinder einschüchtert, Sekretariat monatelang unbesetzt lässt, den Abiturienten die Feier und den Gottesdienst auf der Insel verbietet….viele Schüler und Kollegen haben das psychisch nicht mehr ausgehalten und sind gegangen oder wurden krank.

Einige- so auch ich – haben uns zusammengetan, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. Unsere Aktionen wie z.B. das herausfliegende Klassenzimmer, die vielen Demonstrationen und kreativen Aktionen haben wieder einmal gezeigt, was für eine tolle Gemeinschaft Nonnenwerth ist. Die finanzielle Unterstützung der Eltern und Ehemaligen (die z.B. die Kündigungsschutzklagen des Kollegiums übernehmen) ist legendär.

Wir sind in jeder Hinsicht singulär: als großartige Gemeinschaft, als Präzedenzfall einer Exzellenzschule, die von einem Träger ohne nachprüfbare Gründe geschlossen wird.

Und so haben wir – nachdem wir die Schule nicht retten konnten – den letzten Schultag auch mit viel Kreativität und mit einem sehr emotionalen Gottesdienst gestaltet. Wir sind stolz und mutig ausgezogen – und haben die Seele und den Geist Nonnenwerths mitgenommen.

Zurück bleiben: eine polnische Hausmeistertruppe und Security. Natürlich noch die Nilgänse, die sich der Insel bemächtigen werden. Und der Inselfriedhof, wo einige von mir sehr geschätzte Schwestern begraben sind…wer legt da jemals nochmal Blumen nieder oder entzündet eine Grabkerze?

Wie wird es weitergehen? Ich hatte gestern meinen wirklich allerletzten Schultag – bleibe aber an dem Thema dran, wie auch viele Journalisten und andere Mitstreitenden. So etwas wie Nonnenwerth darf sich nie wiederholen. Und das Kapitel ist noch lange nicht geschlossen.

Und der Vertrauensverlust in Politik, Verwaltung und Kirche bei allen Beteiligten? Schwierig…aber ich weiß, dass wir an dieser Schule Persönlichkeiten ausgebildet haben, die es später anders machen. Das gibt Hoffnung.

3 Kommentare

  1. Klar Worte, die auch emotional das ausdrücken, was wir als Eltern hier wahrgenommen und empfunden haben. Eine wirklich besondere Bildungseinrichtung mit langer Tradition, die junge Menschen auf dem Weg zur Persönlichkeit hervorragend begleitet hat, ist einfach „geschreddert“ worden. Nach wie vor nicht zu fassen.
    Der Autorin herzlichen Dank für diesen Text, herzlichen Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz um unsere Kinder und die Schule und „all the best“ für Ihren weiteren Weg!

  2. Liebe Fr. Heilmann-Cappel,
    ich komme erst jetzt dazu, Ihren Beitrag zu lesen. Ich kann Ihren Artikel nur unterstützen. Auch ich hatte dieses Gefühl, dass mit dem Trägerwechsel eben nicht alles in gewohnten Bahnen weiter laufen würde und darüber intensiv mit meinem Mann diskutiert. Sicherlich muss jedem erst einmal eine Chance gegeben werden, aber dies hat sich ja nun leider als Einbahnstrasse erwiesen. Für mich ist und bleibt der Niedergang von Nonnenwerth eine von vorne herein geplante Aktion, um an die Insel zu kommen. Wie meinte Hr. Soliman anfänglich: „Er hätte eine Schule gesucht und eine Insel gefunden.“ Dies war meiner Meinung nach von vorne hinein wörtlich aufzufassen.
    Danke für Ihren offenen und ehrlichen Beitrag! Ich wünsche allen unseren Kindern und Lehrern, die Nonnenwerth erleben durften alles Gute und dass sie den Geist der Schule ein Leben lang in sich tragen. Für meinen Sohn Joshua kann ich das auf jeden Fall bestätigen.
    Cornelia Knöpfel

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